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Big Data, Vorratsdatenspeicherung, Datensilos, Schwarmintelligenz, Shitstorms und die digitale Sexualität

Zweimal in der Telepolis hängengeblieben: In seinem Beitrag über »Kollektive Willensbildung im Netz« (Teil 1, Teil 2) entwirft der »Unternehmer und Philosoph« Jörg Friedrich ein liberales, beinahe schon neoliberales Weltbild für die sozialen Medien. Ein Weltbild, das keinem wehtut und genug Platz sowohl für Kulturpessimisten wie auch Fortschrittsgläubige läßt. Wohltuend standpunktfest ist dagegen das Interview mit Georg Seeßlen (der auch bloggt (bloggen läßt?)) über die Sexualität des Internet-Zeitalters. Er erkennt zwar durchaus auch emanzipatorische Möglichkeiten in den digitalen Medien (selbst in Dating-Seiten), räumt ihnen aber in einer neoliberalen Gesellschaft, in der Maschinenlesbarkeit immer auch Marktförmigkeit bedeutet, keine Chancen ein. Denn die »Maschinen zur Produktion des Paares« prodzieren vor allem eines: Kontrolle.

Wenn es stimmt, daß wir uns auf eine »totale« Kontrollgesellschaft zubewegen, dann sind die Maschinen zur Produktion der Paare und der sexuellen Identifikationsmodelle ein Schlüssel dazu. Sie schaffen die Disziplinierungen durch Familien, Gemeinden, Kulturen, Religionen bis zu einem gewissen Grad ab, versprechen also durchaus neue Freiheiten, erzeugen aber eine umfängliche Kontrolle. Was digitale, soziale Maschinen wie diese erzeugen, das ist einerseits das Paar (im »Erfolgsfall«) und die sexuelle Identifikation (als Sampling- und Crossover-Prozess zum Beispiel), andrerseits jene »Abfall«-Produkte des Mißtrauens und der Entfremdung, und schließlich ein Meta-Subjekt der Kontrolle: Das Paar zahlt für seine Bildung mit Geld und mit Daten. Es ist eine der menschlichen Arbeitskräfte in diesen Maschinen, die diesen Transformationsprozess von Geld und Information betreiben.

Mehr technischer Natur aber durchaus nicht unkritisch ist der Podcast des diesjährigen Turing-Award-Gewinners Michael Stonebraker über »The Future of Data at Scale«, wo er unter anderem bemerkt:

You send a programmer out to understand the data source. In the case of Novartis, some of the data they have is genomic data. Your programmer sees an ICU 50 and an ICE 50, those are genetic terms. He has no clue whether they’re the same thing or different things. You’re asking him to clean data where he has no clue what the data means. The cleaning has to be done by what we could call the business owner, somebody who understands the data, and not by an IT guy. … You need domain knowledge to do the cleaning — pick the low-hanging fruit automatically and when you can’t do that, ask a domain expert, who invariably is not a programmer. Ask a human domain expert.

Ausführlicher behandelt er das Thema in dem Kapitel »Data Curation at Scale« im Sammelband »Getting Data Right«, das man hier (leider erst nach einer Registrierung) als PDF kostenlos herunterladen kann.

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Nicht nur ich, sondern auch Jürgen Fenn hält WordPress für ein Datensilo, hat aber eine Möglichkeit gefunden, seine Daten mit Hilfe von RSS zu befreien: WordPress nach EPUB und weiter. Geht natürlich nur mit Volltext-Feeds, aber die liefert Wordpress ja.

War sonst noch was? Ach ja, der SPD-Konvent hat gestern die Vorratsdatenspeicherung durchgewunken. Damit hat der Terrorismus gesiegt, denn nun gibt es keine Freiheit mehr, die sich vor dem Terrorismus zu verteidigen lohnt (was sagte Georg Seeßlen oben noch mal über die »totale Kontrollgesellschaft«?). Auch (aber nicht nur) nebenan ist man darüber empört. Doch den Gipfel der Dämlichkeit leistete sich der Innenminister von Baden-Württemberg, Reinhold Gall (SPD), der nach dem Abschied seiner Partei von den bürgerlichen Grundrechten nicht nur »vermeintliche Freiheitsrechte« entdeckte, sondern im gleichen Atemzug auch noch den Kindesmißbrauch für die Vorratsdatenspeicherung mißbrauchte, indem er munter twitterte:

Ich verzichte gerne auf vermeintliche Freiheitsrechte wenn wir einen Kinderschänder überführen. (Kommafehler im Original.)

Diese Art von Stammtischparolen kennt man hier in Berlin und Brandenburg eigentlich nur von Aufklebern und Plakaten der NPD. Sie sagen viel über den derzeitigen Zustand der einst so stolzen Partei Willy Brandts aus.

Und die dümmste Nachricht des vergangenen Wochenendes? Der Börsenverein des deutschen Buchhandels verlangt, daß jugendgefährdende E-Books online nur noch zwischen 22:00 Uhr und 6:00 Uhr verkauft werden sollen. Das entspräche den Vorschriften für entsprechende Kinofilme, die auch nur nachts gezeigt werden dürften. Ich verstehe die Argumentation nicht, denn wenn man die Vorschrift für Filme auf Bücher überträgt, bedeutet das doch strenggenommen, daß sie eben nur noch zwischen 22:00 und 6:00 Uhr gelesen werden dürfen. Es ist dem Gesetzgeber doch völlig schnuppe, wann ich das Ticket für meinen Kinobesuch kaufe. (Kommentieren) (#) (image)


Montag, den 22. Juni 2015 bitte flattrn

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Über …

Der Schockwellenreiter ist seit dem 24. April 2000 das Weblog digitale Kritzelheft von Jörg Kantel (Neuköllner, EDV-Leiter, Autor, Netzaktivist und Hundesportler — Reihenfolge rein zufällig). Hier steht, was mir gefällt. Wem es nicht gefällt, der braucht ja nicht mitzulesen. Wer aber mitliest, ist herzlich willkommen und eingeladen, mitzudiskutieren!

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